Ein herrlicher Fastvollmond!
12. März 2006 - Sonntag
Am Sonntagnachmittag klarte es sich gemäß der Vorhersage komplett auf. Der blaue Himmel war seit langem das erste Anzeichen für ein kleines Spechtelabenteuer. Tagsüber zeigte ich meiner Liebste das Mondkaninchen, aber für sie hatte es mehr Ähnlichkeit mit einem Mondkrokodil, wie man es auch in der ersten "Astronomie Heute"-Ausgabe 2006 sieht. Die sich im Westen teilende langgezogene Maria-Region hat aber tatsächlich die Form von zwei "Löffeln". Mit bloßen Augen konnte ich auf der von Azur umgebenen Luna neben Copernicus und ein Stück des Mare Frigoris, auch das punktförmige Areal um Kepler und Cassinis hellen Fleck sehr gut beobachten. Zwischen 18:00 und 19:00 MEZ wollte ich dann genauer hinschauen und stellte das 10x50 von Meade und das Lidlscope mit 70-fach vor dem Fenster auf.
Einen Überblick verschaffen
Im Fernglas zeigten sich drei interessante Gebiete am Terminator, die sich mit dem Rükl erst am späten Abend hundertprozentig identifizieren ließen. Anhaltspunkte zu den scharf umrissenen Strukturen konnte ich nur schwer ausmachen. Doch spätestens als ich das Becken des lavaüberfluteten Grimaldi, um dessen Wall das Licht einen Bogen machte, erkannt hatte, war die Sache klar. Rocca W und Sirsalis Z waren die markanten Strukturen an der Tag-Nacht-Grenze. Davon südlich muss die Gegend um Vieta eine weitere auffällige Formation gewesen sein und schließlich Hevelius. Der Krater war insofern interessant, dass sein östlicher Rand einer schnurgeraden Kreidewand ähnelte. Eine vielleicht etwa 80 Kilometer lange weiße Wand erstreckte sich hier am Rand des Oceanus Procellarum. Später am Abend wurde der von Hevelius nördlich gelegene Cavalerius ebenso sichtbar.
Ein Blick galt auch Lacus Excellentiae mit dem Krater Clausius. Aller Voraussicht soll irgendwo hier am 01. oder 02. September der Mond-Orbiter der ESA, SMART-1, abstürzen.
Interessanter Mondrundflug bei Fastvollmond
So ab 22:35 MEZ werde ich wohl für 2 ½ Stunden draußen gewesen sein. Ich muss dazu sagen, dass ich eigentlich das Bett hätte hüten müssen. Seit Tagen plagten mich Hustenattacken in beinahe zehnminütigen Abständen. Ohne sonstige Symptome für eine Erkältung hustete ich am Abend fast ohne Unterlass. Soweit zu meinem Krankheitsbild. Aber bei diesem Wetter sollten mich keine zehn Pferde zurückhalten können. Das Seeing machte sich beim Blick zum Mond schon bei den niedrigen Vergrößerungen bemerkbar, aber dem Spaß tat das keinen Abbruch. Am Dobson genoss ich den formatfüllenden Blick auf den fast vollen Mond, genau 48 Stunden vor der Halbschattenfinsternis. Außerdem führte ihn die monatliche Runde genau mittig zwischen alpha (Regulus) und eta Leonis hindurch.
Gegenüber der Durch's-Fenster-Beobachtung vom Abend hatte sich der Tag schon sichtbar weiter über die helle Mondscheibe geschoben. Gut 4% lagen jetzt noch im Dunkeln. Zuerst war ich mit zahlreichen Aufnahmen beschäftigt, aber danach war es ein rein visuelles Vergnügen.
Aufregender Streifzug über den ("almost Windy Moon")
Ich sah wie das erste Tageslicht nach einem Monat Finsternis in Grimaldi fiel, entdeckte meinen ersten Kleinstkrater in Plato und bewunderte die Strahlenkränze, allen voran die mächtigen Strahlen von Tycho. Doch bevor es im 430 Kilometer großen Becken Grimaldi langsam Tag wurde und das weiße Mondlicht einen immer weiteren Bogen um seinen großen Wall spannte, setzte sich Hevelius' Rand Stück für Stück aus der Düsternis zusammen, in dem zuvor nur die zentrale Erhebung Hevelius Alpha zu sehen war. So wie in Pythagoras am nordwestlichen Rand des Terminators.
An Bessels Rand fiel mir ein einziger langer Strahl ins Auge, der aber vermutlich von Menelaus stammt. Ich war auf Kraterjagd in der Nähe von Marius und der Landestelle von Luna 7. Hier ließen sich viele benannte und unbenannte Krater in 3 Kilometer Größe beobachten. In Schickard erwartete mich eine Fülle aus kleinen Kratern. Bei meinem Mondspaziergang galt meine besondere Aufmerksamkeit den weißen Kratern, die sich vornehmlich über die Osthälfte von Luna verteilen. Wenn die Sonne fast senkrecht über der Mondoberfläche steht, werden viele kleine Krater als helle Punkte sichtbar, aber noch interessanter sind die, die als schneeweiße Kraterringe zu sehen sind. Bei manchen ist auch ein heller zentraler Punkt sichtbar. Beim nächsten Mal werde ich mir ein paar Namen einprägen.
In den ansonsten dunkelgrauen und strukturlosen Maria kam dank des hohen Sonnenstandes ebenfalls allerhand Interessantes zum Vorschein. Diese seltsamen Formen könnten Fließformationen oder halb versunkene Krater darstellen, aber in Wahrheit stellen sie sich nur als das Riphägebirge und Flamsteed P heraus. Das sind aber nur zwei Beispiele und besser kann ich diese formlosen Regionen, die erst nahe des Vollmondes in den Maria auffallen, nicht beschreiben. Ein wahres Durcheinander.
Alphonsus und Byrgius
Und noch eine weitere Entdeckung erweckte meine Neugier. Was waren das für dunkle Flecken in Alphonsus? Sie fielen mir zum ersten Mal auf. Drei an der Zahl, zwei am Ostrand und einer gegenüber am westlichen Ringgebirge. Die zentrale Erhebung leuchtete mittig als heller Punkt. Sind das Seen erstarrter Lava, die nach dem Impakt durch die Oberfläche des rund 90 Kilometer durchmessenden Kraterbodens drangen? Wenn dem so wäre, müsste hier ja ein richtig heftiger Einschlag stattgefunden haben. Sonst würden doch mehr Krater solche Merkmale aufweisen.
Das Sonnenlicht flutete (fast) vollständig Byrgius' inneren westlichen Kraterwall. In der Mitte der etwa 85 Kilometer langen Wand befand sich eine vielleicht 15 Kilometer lange Lücke. Das Spiel aus Licht und Schatten begeistert mich immer wieder. Das ist das Wunderbare beim Mond. Man kann sich sofort alles - mehr oder weniger - plastisch vorstellen, und so auch die schwarze Lücke in Byrgius. Es gab soviel zu sehen.
Nachtflieger
Um 19:28 MEZ im Lidlscope und 23:57 MEZ im Dobson konnte ich noch ein Ereignis der seltenen Art verfolgen. Beim ersten Mal zuckte ich sogar noch zusammen, so überrascht war ich. Eine geschätzte Sekunde lang beobachtete ich einen Flugzeugtransit am Mond. Selbst bei kleiner Vergrößerung am Lidlscope ein Riesenteil mit Turbinen usw. Und mir wurde bewusst, wieviel Glück die Fotografen solcher Transits haben müssen, um sowas vor Sonne oder Mond festhalten zu können. Wäre ich beim zweiten Mal nicht vom Husten abgelenkt gewesen, hätte ich noch einen Flieger im Dobson gesehen. Doch stattdessen sah ich nur die dunkle Rauchfahnen, blickte vom Okular auf und sah ein blickendes Flugzeug neben dem (fast) Ahornzuckermond ("Maple Sugar Moon"). Neben dem windigen Mond ("Windy Moon") ist dies nur eine weitere Bezeichnung für den Märzvollmond.