Noro, Novae und Kometen

06. Januar 2008 - Sonntag

Gestern, der erste richtig schöne Sonnentag im neuen Jahr, doch Mareike lag immer noch mit einem Infekt im Bett, mittlerweile seit Freitag. Wir vermuteten gleich den Norovirus, der zurzeit wieder Schlagzeilen macht. Sie hat sich ihn von einem Arztbesuch letzte Woche mitgebracht. So hütete ich mit ihr als Leidensgenosse (und Teekocher und Salzstangenholer) das Bett und las eifrig in Ferris' "Fasziniert von den Sternen", welches jetzt bestimmt schon ein halbes Jahr auf meinem Nachttisch liegt, in dem ich jedoch nur noch sehr selten blätterte. Doch jetzt begeisterten mich wieder die lebendigen Textpassagen und etwa die Geschichte über Edward Emerson Barnard. Es ist doch einfach ein wunderbares Buch.

Der erste umgedrehte Sonnenfleck

Am späten Vormittag stahl ich mich dann aus dem Bett. Der blaue Himmel im Fenster sah einfach zu verlockend aus. Ich wollte das sonnige Wetter ausnutzen und mal wieder einen Blick mit dem Fernglas auf unseren Stern werfen. Erst am Abend zuvor las ich von 10981, dem ersten Sonnenfleck des neuen 11-jährigen Zyklus. Auf Bildern hatte er klein - sogar winzig - ausgesehen, doch ich holte trotzdem das 10x50 hervor und als ich nach langer Zeit die relativ große Sternscheibe im Fernglas sah, dachte ich, dass es schwierig wird, aber machbar sein könnte. Da das Gewinde für die Fernglashalterung vor einigen Monaten herausgebrochen war, lag es eigentlich nur noch unberührt im Regal. Ich versuchte es so ruhig wie möglich zu halten und hielt es sogar provisorisch mit dem Stativ zusammen. Zwischenzeitlich war schon ein zitterfreies Bild der Sonne zu sehen, nur zeigte sie sich absolut blank. Spaßeshalber versuchte ich es dennoch mit meinem neuen Nikon Action 8x40. Fest auf dem Stativ montiert zeigten sich auch in ihm keinerlei Auffälligkeiten. Erst mit dem Blick auf die aktuellen SOHO-Aufnahmen sah ich, dass die kleine 10981-Gruppe mit dem ersten umgedrehten Sonnenfleck sich in der Nacht auf Sonntag bereits aufgelöst hatte.

Nova Vulpeculae 2007 #2

Nachdem wir kurz nach 18:00 MEZ vom ärztlichen Bereitschaftsdienst wieder zuhause waren und die neuen Tropfen hintergeschluckt waren, suchte ich mir die Position von V459 Vulpeculae, der zweiten Nova im Füchschen von 2007 und markierte sie mit einem Bleistiftpunkt im Sternatlas und verschwand mit ihm und dem 10x50 auf die Terrasse. Es war 18:30 MEZ. Ich hatte mich nicht verguckt, das Sommerdreieck stand jetzt am frühen Abend im Januar noch relativ hoch am Himmel - zumindest der Schwan, der als riesiges Kreuz dem Nordwesthorizont entgegeneilte. Doch für das Gebiet zwischen Pfeil und Füchschen war die Sicht dann nicht mehr optimal. Auch von einem erhöhten Standort am Zaun berühten schon die ersten Zweige die Sterne des Zielgebiets. Die Orientierung und damit die Stelle, an der der neue Stern stehen sollte, war im 10x50 schnell gefunden. Ich drückte das Fernglas gegen das Wellblechdach von Nachbars Schuppen, so ließ sich sehr gut das Wackeln minimieren. Wie üblich hatte ich dann nur noch mit dem Beschlagen der Okulare zu kämpfen. Schließlich sichtete ich den Zielpunkt. Zwei fast gleich helle Sterne standen zwischen den obersten Zweigen des Baumes, wobei es sich bei dem südlicheren um die Nova und bei dem nördlicheren Stern um HD 187257 (8,5mag) handelte. Wenn ich den nahe stehenden Vergleichsstern HD 345045 (8,9mag) richtig identifizieren konnte, der aufgrund der manuellen Fernglasstabilisierung nur schwach sichtbar war, schätze ich die Helligkeit der Nova auf 8,6mag, was auch gut zu den V459 Vul-Schätzungen der AAVSO passt. Mit einer Helligkeit von 7,8mag wurde V459 Vul während der Weihnachtsfeiertage entdeckt ("Possible Nova in Vul" und "Nova Vulpeculae 2007 No. 2 = V459 Vul"). Trotz der Umstände machte es Freude wieder auf Novajagd zu sein und sich dabei vorzustellen, dass wir den neuen Stern nur deswegen sehen können, da sich dort oben auf einem Weißen Zwerg zurzeit eine Explosion einer kosmischen Wasserstoffbombe ereignet. Zudem war es schon eine besondere Beobachtung, denn ich hatte nicht daran geglaubt, dass es mit der zweiten Nova Vulpeculae noch was wird, da das Füchschen früh in der Abenddämmerung verschwindet, doch das Wetter war einfach wunderbar.

Die winterliche Sommermilchstraße verlief durch den Zenit, der Schwan flog weiter Richtung Horizont und der Kontrast zum markanten Dunkelband des Great Rift machte das Rückgrat der Nacht gut sichtbar. Ich blieb im Hals stecken und wollte kurz bei chi Cygni vorbeischauen, der Rote Riese, den ich im Sommer 2006 oft bestaunt hab. Doch mit einer Helligkeit von etwa 10,0mag und dem gerade so wackelfreien Fernglasbild, glaube ich nicht, dass einer von den schwachen Lichtern chi Cygni war.

Wiedersehen mit 17P/Holmes

Ein flüchtiger Gedanke holte mich ins Sonnensystem zurück und ich hob instinktiv den Kopf hinauf zu Perseus. Zuerst nur schwach, dann mit bloßem Auge gut sichtbar erschien die matte Nebelscheibe des Kometen Holmes. Sie erschien groß, doch ich hatte keinen direkten Vergleich zu meiner letzten Sichtung, die schon mehr als drei Wochen zurückliegen musste. Mit Augenmaß geschätzt, passte die Kometenscheibe jetzt schon zwischen beta und omega Persei bzw. Algol und Gorgonea Quarta. Zusammen mit Algol und kappa Persei bildete 17P/Holmes ein rechtwinkliges Dreieck. Die wahre Ausdehnung von Holmes' Nebelball offenbarte sich schließlich im Fernglas. Da er von aufälligen Sternketten flankiert wurde - auch durch die diffuse Koma schienen viele helle Gestirne -, ließ sie sich sehr gut bestimmen. Während der nördliche Rand, der z.B. mit dem Stern HD 18392 (6,65mag) übereinstimmte, noch immer gut erkennbar war, verlor sich der südliche Teil im Himmelshintergrund. Die riesige Staubkoma musste sich jetzt über mindestens 1° ausdehnen, indirekt sogar etwas mehr. Der Überraschungskomet des Herbstes 2007 war also in den letzten Wochen auf scheinbar den doppelten Vollmonddurchmesser angewachsen und mit einer Entfernung von über 307 Millionen Kilometer (2,05 AE) erstreckt sich die Staubhülle jetzt über 5,5 Millionen Kilometer. Längst übertraf er unseren Heimatstern, doch mittlerweile entsprechen seine Ausmaße dem 4-fachen Sonnendurchmesser! Damit kann es Holmes mit den Hauptsternen Altair im Adler und Regulus im Löwen aufnehmen. Ein unvergleichliches Himmelsschauspiel spielt sich da vor der kosmischen Haustür ab, zwischen uns und der Marsumlaufbahn schwebt ein gigantischer, grauhaariger Riesenkomet. Und die Spurensuche, nach der Ursache der Helligkeitsexplosion Ende Oktober, hat erst begonnen.

So zog mich der Komet des Edwin Holmes erneut eine Weile in den Bann und ich versuchte den Rand der südlichen Nebelhälfte mit indirektem Sehen genauer zu erfassen. Zwar hat seine Helligkeit sichtbar nachgelassen, doch für das bloße Auge ist er noch immer ein leichtes Objekt, das mich weiter staunen lässt. Um 18:59 MEZ - kurz vor Glockenschlag - kam es zu einer sehr nahen Beinahe-Kollision mit einem Satelliten und dem scheinbaren stellaren Kern im Zentrum der grauen Koma. Nebenbei fiel mir im großen Gesichtsfeld des 10x50 auch M 34 auf, einem hellen und lockeren Sternhaufen; als verschwommenen Stern konnte ich ihn daraufhin auch einfach mit dem freien Auge beobachten.

Ausbruch von Z Andromedae

Als letztes Ziel auf meinem einstündigen Himmelsspaziergang wollte ich noch zu Z Andromedae fliegen. Z And ist ein symbiotischer Veränderlicher, der normalerweise rund 11,0mag hell ist. Nachdem er im Juli 2006 bei einem Ausbruch die Rekordmarke von 8,6mag erreichte, stieg seine Helligkeit jetzt wieder an. Zwischen den Jahren meldete die AAVSO den Helligkeitsanstieg: "Possible outburst of the symbiotic star Z Andromedae". Symbiotische Veränderliche, dessen Prototyp Z And ist, sind ähnlich wie die kataklysmischen Veränderlichen aufgebaut.

Mit dem Sternatlas verschaffte ich mir zunächst einen groben Überblick, und sofort fand mich an der richtigen Stelle am Himmel wieder. Ein sternleeres Himmelsareal in Form eines Dreiecks markierte das Zielgebiet in der nördlichen Andromeda, die Eckpunkte bilden dabei zwei auffällige Sternketten und der Stern 18 Andromedae. Indirekt konnte ich in diesem leeren Feld einen Stern schwach aufblitzen sehen: HD 221246 (6,15mag). Ein Zeichen einer sehr guten Grenzgröße - im heimischen Garten. Laut Karte sollte Z And in einer Reihe mit zwei anderen schwachen Sternen stehen, die mit einem dritten ein kleines 9,0mag-Dreieck bilden. Für das 10x50 ohne Stativ eine kleine Herausforderung. Lang gestreckt im Gartenstuhl, die Arme auf die Lehnen gestützt, machte ich mich auf die Suche. Ich blieb für bestimmt 10 Minuten so liegen und letztlich konnte ich die schwache Gruppe sogar erwischen. Doch aufgrund des Wackelns und des zunehmenden Zitterns der Hände, setzte ich die weitere Beobachtung später fort.

Nach einer Stunde mit zwei Novae in der Tasche und einem Wiedersehen mit Holmes war ich bereits sehr zufrieden.

8P/Tuttle zum ersten Mal

Zu Beginn meiner zweiten Session suchte ich erstmal von drinnen und draußen das Sternbild Fische. Nach der Aufsuchkarte in "Sterne und Weltraum" musste der zweite periodische Komet des Nachthimmels, 8P/Tuttle, mittlerweile bei alpha Piscium zu finden sein. Erst vor etwa einer Woche lief er direkt an M 33 vorbei, doch nun eilte der Schnellläufer bereits den südlichen Sternbildern Eridanus und Chemischer Ofen entgegen. Vom Kopf des Walfisches aus fand ich schließlich den Hauptstern im Band, welches die beiden Fische verbindet. Im Fernglas sprang mich der Komet dann auch sofort als kleiner aber heller Nebelfleck an.

Meine zweite Session startete gegen 20:45 MEZ, jetzt war das neue 8x40 der Hauptakteur, natürlich mit Stativ. Die Tage des kleinen Fotostativs waren nun vorbei, denn schließlich lag neben dem Fernglas ein mannshohes Stativ unter'm Weihnachtsbaum. Im Gartenstuhl sitzend konnte ich damit perfekt den Kometen Tuttle verfolgen. Seine helle Koma erschien deutlich oval, außerdem bestimmte ich die Größe anhand von Feldsternen. Seit seiner Entdeckung durch Horace Tuttle waren nun fast auf den Tag genau 150 Jahre vergangen. Unabhängig von Tuttle fand ihn auch Karl Christian Bruhns, Astronom an der Berliner Sternwarte, in der Nacht auf den 12. Januar 1858. Von dunklen Orten soll er schon mit freiem Auge sichtbar sein, aber dafür reicht mein aufgehellter Gartenhimmel doch nicht aus. Ich bin gespannt, wie es mit der Helligkeitsentwicklung weiter geht.

Z And-Ausbruch zum zweiten

Danach schwenkte ich das 8x40 zu Andromeda, wo ich nochmals einen Blick auf den im Fernglas gut sichtbaren Z And werden wollte. Schnell war das Ziel wiedergefunden und so betrachtete ich das Treiben dieses explosiven Sternsystems. Diese Klasse wird als symbiotisch bezeichnet, da sie sowohl Absorptions- als auch Emissionslinien in ihren Spektren zeigt. Mit dem 8x40 hatte ich keinerlei Probleme mit dem Beschlagen der Okulare, so konnte ich in aller Ruhe den Lichtpunkt beobachten. Anhand des Z And umgebenen Sterndreiecks schätzte ich die Helligkeit. Der Ausbruch ließ das Sternsystem Z And jetzt 3,5x heller leuchten, die Helligkeit lag bei 9,6mag, vielleicht sogar 9,5mag (Schätzungen der AAVSO).

Um auch die Grenzen des Fernglases auszuloten, suchte ich gleichzeitig noch nach dem schwächsten Stern. Mit indirektem Sehen kam ich auf 10,2mag. Womit das Nikon 8x40 meinem Meade 10x50 in nichts nachstand. Der Unterschied in der Grenzgröße dürfte maximal bei nur 0,2mag liegen.

Wunderbarer Holmes

Als letztes wollte ich noch die Zenitlage des Fernglases bzw. Stativs testen. Ich richtete das 8x40 erneut auf 17P/Holmes. Für den optimalen Blick in die zenitnahen Himmelsfelder lehnte ich mich wieder zurück, zusammengeklappt benutzte ich das Stativ nun als Einbein, und mit den Händen schirmte ich das Streulicht ab und stabilisierte damit das Fernglas leicht, das auf meinen Augen auflag und mit den. Die Augenmuscheln drückten nicht, so war es insgesamt keine unbequeme Körperhaltung. Minutenlang lag ich so unter Holmes, dessen hellgraues Leuchten sich vor mir ausbreitete. Ein prächtiger Schleier, gewebt aus einem dünnen Ätherstoff. Die dünne Koma ließ etliche Sternen durchscheinen, wie der sternenbesetzte Umhang eines Zauberes. Eine zentrale Aufhellung, die fotografisch noch sichtbar ist, war nicht mehr wahrnehmbar, die Helligkeit verteilte sich gleichmäßig über die Größe zweier Vollmonde. Edwin Holmes' Komet ist immer noch ein großartiger Anblick!

Auch zu M 34 schweifte ich ab. Er erscheint leicht verstreut, doch sitzt in seinem Zentrum ein funkelndes Highlight. Zu den hellsten Haufensternen gehören die drei Sterne, die im Inneren die Form eines spitzen Dreiecks bilden. Bei genauerer Betrachtung erscheint tatsächlich jeder einzelne von ihnen doppelt. Für das 8x40 eine schöne Herausfordernung.

Alles in allem

Nachdem ich mich am Kometen sattgesehen hatte, baute ich gegen 21:30 MEZ ab. Der erste richtige Beobachtungsabend mit dem 8x40 hat mir Spaß gemacht. Und für mich war es der erste überhaupt im neuen Jahr und dann noch ein so lohnender ohne störenden Mond und mit einer überdurchschnittlichen Grenzgröße. Es war ein gelungener Novae- und Kometenabend.