Beeindruckende erste Beobachtungsnacht 2006

25. Februar 2006 - Samstag

Seit 11:15 MEZ wartete mein 8"-Dobson auf der Terrasse und kurz vor 16:00 MEZ wollte ich noch kurz einen Blick auf unseren Stern werfen. Die SOHO-Aufnahmen zeigten eine komplett fleckenfreie Sonne, aber diese Tatsache hielt mich nicht auf. Zuerst kam das 30mm zum Einsatz. Bei 33,33x ließen sich auch keine großflächigen Fackelgebiete feststellen. Zur Sonnenmitte hin ließ sich noch einigermaßen gut die Körnigkeit der Photosphäre erkennen, während sich der Sonnenrand als flirrender Saum zeigte. Im 3,6mm schlugen mir dann förmlich Feuerzungen entgegen. Es kam mir vor, als würde ich die H-alpha-Sonne vor mir haben, die von unzähligen Spikulen umgeben ist. Feuerberge umgaben das komplette Sonnenrund. Im 6,5mm sah es nicht anders aus.

Zum direkten Vergleich des Einblickverhaltens vom 6,5-er, packte ich schließlich noch mein neues 6mm aus, welches ich mir vor einer Woche auf dem ATH zugelegt hatte. Was soll ich sagen? Ich war einfach sprachlos. Wenn man die beiden Okulare nur nebeneinander hält, offenbart es sich schon. 66°! Ich schob es vorsichtig in den Okularauszug und war baff. Nach kurzer Zeit war im neuen Okular eine 0,40° ausgeleuchtete Sonne sichtbar. Fast komplett war sie im großen Gesichtsfeld zu sehen, ein Zehntelgrad fehlte noch. Und das für 22 Euro. Das Handeln hatte sich gelohnt.

Ich tastete mich an den Fokus heran und zur Kontrastverstärkung versuchte ich noch den Grünfilter. Mit der Zeit wurde dann ein feines Netzwerk bzw. ein einziges Durcheinander aus hellen und nicht ganz so hellen Flächen in der Sonnenmitte sichtbar. Natürlich zerrte das Seeing am Bild, aber blickweise erhielt man schon den Eindruck der Granulation. Ein wirklich toller Anblick. Das ist wie Sonnenaufgang, wenn unser Heimatgestirn formatfüllend im eigenen Okular durch's Bild zieht. So macht Sonnegucken Spaß, so schnell können 35 Minuten vergehen.

Götterbote in später Abenddämmerung

Wenige Minuten vor 19:00 MEZ gelang mir endlich die Sichtung von Merkur. Als rötlicher Stern flackerte er nur wild um sich, etwa 5° über dem Horizont.

Der Himmel / Es geht los

Gegen 20:10 MEZ brach ich in den Garten auf und war sogleich wieder einmal fasziniert von diesem Anblick. Nach wochenlanger Pause ist die Begeisterung spürbar größer und man vergisst sogar die störenden Lichtquellen hinter'm Haus. Ein überaus klarer Sternenhimmel breitete sich vor meinen Augen aus - gekrönt vom Himmelsjäger aus Böotien.

Dem Himmel würde ich allerhöchstens mit Bortle 5 einschätzen. Ohne die Barlow zu bemühen, konnte ich am Saturn ohne weiteres bis zu 277,77x vergrößern. Und die Grenzgröße ermittelte ich mittels Zufallsprinzip zwischen 5,0 und 5,5mag. Die zenitnahen 13 Lyncis (5,3mag) und SAO 25962 (5,5mag) ließen sich stellenweise direkt halten, wenn nicht immer die Brille beschlagen wäre.

Doch wohin ist Mars verschwunden? Stand er im Januar nicht noch in der Grenzregion von Widder und Stier? Es wunderte mich, dass er nun schon das Siebengestirn überholt hatte. Ich muss auch sagen, dass es sich erstaunlich gut draußen aushalten ließ. Außer einer fünfminütigen Pause war ich die drei Stunden am Stück in der Kälte. Gegen Mitternacht musste ich mit Zeichenzeug in den Händen feststellen, dass sich der gestirnte Himmel wieder zugezogen hatte. Nichtsdestotrotz verbrachte ich mit dem Orionnebel und Saturn einen sehr schönen Beobachtungsabend zum Tagesausklang.

Orionnebel im 10x50

Das Schwertgehänge zeigte sich schon mit bloßen Augen bestehend aus 42, 41 (theta Ori) und 44 (iota Ori) Orionis nebst dem 4,8mag hellen HD 36960. Unter besseren Bedingungen wird es sicher möglich sein, neben 42 Orionis noch 45 Orionis zu erkennen.

Im 10x50, dass nun endlich auf einem Stativ saß, wurde es dann offensichtlicher. Theta Orionis offenbarte eine Doppelnatur und neben dem Stern theta2 Orionis konnten auch die beiden östlich gelegenen Komponenten 6. und 9. Größe erkannt werden. Dieses Mehrfachsystem wurde als erster von Nicolas-Claude Fabri de Peiresc 1610 beobachtet, dem somit auch die Entdeckung des Orionnebels zugeschrieben wird. Darüber hinaus blinkte noch selten und ganz schwach - ich meine es war - LP Orionis durch die Nebelschleier. Diese zeigten schon einige großflächige Strukturen, wie z.B. die helle Kernregion und die sich in westlicher Richtung ausbreitende Randregion Proboscis Major, die beim indirekten Sehen fast bis an HD 37115 heranreichte. Bei indirektem Betrachten fiel auch auf, dass M 42 eine viel größere Fläche einnehmen muss und so war leicht eine NO-SW-Elongation angedeutet, die den Hauptteil des Nebels darstellen musste.

Orionnebel im 8-Zöller

Am Orionnebel setzte ich erst das 30mm Plössl und danach das neu erstandene 20mm UWA ein. Was für ein unglaublicher Anblick! Das Bild war schon gestochen scharf - ohne nachfokussieren. Und wieder kam mir sofort der alte Gedanke in den Sinn, das Gesehene zeichnerisch festzuhalten. Beide Okulare boten hier das gleiche Gesichtsfeld. Mit über 1,3° befanden sich noch 42 und iota Orionis gemeinsam im Blickfeld. Und wenn man einmal ein Ultra Wide Angle-Okular im Auszug hat, möchte man am liebsten kein anderes mehr verwenden. Das überschaubare Feld und der angenehme Einblick trösten darüber hinweg, dass hier - am 20mm - etwa ab der Hälfte des Gesichtsfeldes die Sterne beginnen "komatös" zu werden. Daran störte ich mich nicht weiter und für meinen visuellen Eindruck war es noch vertretbar.

Ich bestaunte einfach dieses großartige Gemälde von Orions Schatz. Ich wusste schon gar nicht mehr, was M 42 trotz dieses Dorfhimmels zeigen kann. Es war großartig! Im Okular wurde der den Stern nü Orionis' umgebende, fast sphärische Nebelkomplex M 43 sichtbar. Als nadelfeine Lichtpünktchen waren in das graustufige Nebelgebiet die Dreierkette von theta2 Orionis und die 4 Sonnen des Trapeziums um theta1 Orionis eingebettet. Gerade einmal eine Million Jahre sollen diese Sterne alt sein. Erst 1673 entdeckte Jean-Felix Picard den vierten Stern in der Runde und Huygens nannte die Gruppe daraufhin "Trapezium". Aber auch schwächere Sterne können beobachtet werden, wie etwa zwei Exemplare im westlichen Abschnitt der hellen Huygens-Region. Teile in dieser und der Proboscis Major waren scharf abgegrenzt, im Gegensatz zu der westlichen Randregion, Proboscis Minor. Der im 10x50-Fernglas indirekt erkannte, langgestreckte Hauptteil des Nebels konnte hier direkt erahnt werden. Die vielen Helligkeitsabstufungen müssen einfach mal auf Papier gebannt werden. Und alles befand sich inmitten eines wunderbaren Sternhintergrundes. Ich wusste es schon gar nicht mehr.

First Light für den UHC

Natürlich stand auch die Lichttaufe für meinen ersten UHC-Filter auf dem Programm. Mit einem freudigen Gefühl zerriss ich das Prüfsiegel. Ich habe ihn an beiden Okularen ausprobiert. Schwache bzw. nur indirekt wahrnehmbare Nebelgebiete hob er gut hervor. So erhält man einen noch besseren Sinn für die tatsächlichen Ausmaße. Mehr als 30 Lichtjahre misst Orions leuchtend grauer Schatz groß. Zudem dunkelte er die Sterne schon sichtbar ab, die dann auch in einem grünen Licht funkelten. Bin mal gespannt, was der Astronomik so aus leuchtenden Wasserstoffnebeln bei stockdusterer Nacht rausholt.

Fotografisches

Auch die TS-Adapterkombination für die Kamera hab ich getestet, so hatte das angestrengte Stillhalten etc. am Okular vielleicht ein Ende hat. Nebulöses bekam ich mit 8 Sekunden schon ein wenig hin, aber ohne Nachführung ... Für ein paar Schnappschüsse habe ich mich danach dem Siebengestirn zugewandt. Später habe ich noch zum Abschluß der Beobachtung des beringten Saturn einige Sternfeldaufnahmen vom Krebs gemacht.

Saturn in der Übersicht

Mit bloßen Augen war der strahlende Ringplanet neben einem verwaschenen Fleck sichtbar, der sich seinerseits nahe gamma und delta Cancri befindet. Zum Gesamteindruck begann ich natürlich auch hier mit dem 20mm UWA. Saturn befand sich entlang einer auffälligen, gewundenen Sternenkette, in der sich z.B. auch Titan einfädelte. Aber wo ist der Sternhaufen? Einmal kurz geschwenkt und ich saß mittendrin: im Bienenkorb eben. Bei dem scheinbaren Durchmesser von 1,5° kein Wunder. Formatfüllend ist der Anblick einfach unbeschreiblich. Hier versammeln sich über 300 Sterne, die vor 650 Millionen Jahren entstanden sind. Die enge Begegnung mit Asellus Australis (delta Cancri) und die rückläufige Bewegung zum Monatswechsel dicht an M 44 vorbei, hatte ich - auch des Wetters wegen - versäumt. Aber die Begegnung zwischen Mond und Mars hatte auch etwas für sich.

Imposanter Saturn

Nachdem ich mir einen Überblick verschafft hatte, kamen die kürzeren Brennweiten zum Einsatz. Bei 154-facher (6,5mm Plössl) und 166,66-facher (6mm UWA) Vergrößerung war der Ringplanet prachtvoll anzuschauen und die Cassini-Teilung trat indirekt schon umlaufend hervor, aber bei 277,77x war das Saturnsystem eine wahre Augenweide. Über 1,2 Milliarden Kilometer entfernt, doch im Okular erschien er diesmal wirklich groß. Außer der Erddrehung bemerkte ich im Okular keine merkliche Luftbewegung. Da gab's nichts zu rütteln. Unglaublich!

Die leergefegte Lücke schnitt sich sehr markant zwischen A- und B-Ring ein. 4.500 Kilometer breit und ich konnte sie wunderbar umlaufend verfolgen. Im gespiegelten Bild verschwand oben rechts die Cassini-Teilung im schmalen Schatten der Planetenkugel, der Nordpol lugte bereits hinter dem Ring hervor und besonders fiel mir bei dieser Beobachtung der C-Ring auf, der sich zart vor der Saturnkugel abzeichnete. Ich wunderte mich, dass er mir vorher noch nie aufgefallen war und dachte zuerst an einen Ringschatten oder ein Wolkenband. Damit wurde mein Ringhorizont auf jeden Fall erweitert. Und neben dem auffälligen Wolkenband am Äquator nahm ich auf der südlichen Hemisphäre eine weitere Abstufung der Helligkeit wahr.

Bei den Monden musste man - wie schon angedeutet - wegen des nahen Sternenteppichs aufpassen. Sicher konnte hier Titan und Rhea erfasst werden, Dione und Tethys waren da schon schwächer bzw. nur indirekt zu erkennen. Der Saturnmond Tethys, der zu meinem Beobachtungszeitpunkt schon nahe (zwischen 6 und 7 Bogensekunden) am Saturnsüdpol stand, erschien sogar nur selten. Trotzdem ...

Eine fantastische Saturnbeobachtung! Und irgendwo zwischen den Lichtpünktchen und dem beringten Planeten durchreist seit über 1 ½ Jahren ein 2 Tonnen schwerer künstlicher Trabant das System und "springt" von Mond zu Mond. Cassini entdeckte unter anderem einen bis zu 20 Kilometer hohen und 1.300 Kilometer langen Höhenzug auf Japetus' Äquator, aktive "Tigerstreifen" an Enceladus' Südpol, gewaltige Stürme auf Saturn und "verkehrte" Elektronen in dessen Magnetfeld. Eine fantastische Welt.

Alles in allem

Anfangs zogen am Vormittag noch ein paar Haufenwolken vorüber, doch über den Nachmittag verkrümelten sie sich schließlich. Stunden später hatten mich ein richtig beeindruckender Orionnebel und ein imposanter Ringplanet begeistert. Sie waren das Ergebnis dieser ersten - und sogar mondlosen - Beobachtungsnacht. Hoffentlich lässt die nächste klare Nacht nicht mehr allzu lange auf sich warten.