Jungfrau in der Regenbogenbucht

06. Januar 2009 – Dienstag

Wie fast zu jeder Lunation lockte auch in dieser klaren Winternacht der Dreiviertelmond mit dem Goldenen Henkel als besonderes Licht-und-Schatten-Spiel: Während das Sinus Iridium noch tiefschwarz im Schatten liegt, wird bereits die 5.000 Meter hohe Jura-Bergkette von der aufgehenden Sonne angestrahlt. Mit sehr guten Augen soll der so erkennbare leuchtende Henkel sogar mit bloßem Auge sichtbar sein, wenn er sich gegen die noch dunkle Mondseite abhebt; im englischen Sprachraum spricht man übrigens vom "Jewelled Handle"-Effekt, also dem juwelenbesetzten Handgriff. Mir ist die Sichtung allerdings noch nicht gelungen. Der Abend dämmerte bereits, als ich Lambert davon erzählte, dass er den Goldenen Henkel auch freiäugig sehen sollte – mit seinem neuen Satz Adleraugen. Kurze Zeit später kam schon die Bestätigung. Er sah eine helle Ausbuchtung. Dabei war zwischen Bogen und dem Mond ein etwas dunklerer Bereich bemerkbar, sozusagen eine Fasttrennung der beschienenen Bergkette durch die Morgensonne – in 380.000 Kilometer Entfernung. Später war dort nur noch ein winziges Pünktchen am Terminator sichtbar.

Mittlerweile war es 19:00 MEZ und die Temperatur war schon auf -12°C gefallen, doch ich wollte noch selber einen Blick zum Mond werfen. Ich holte den 8"-Dobson raus und peilte natürlich sofort den Goldenen Henkel an. Bei der Beobachtung fiel mir diesmal direkt das Frauengesicht am Kap Herakles auf, wie ein in Stein gehauenes Portrait säumte es das westliche Kap der Bucht: die Rede ist von Cassinis "Moon Maiden". Auf seiner im Februar 1679 vorgestellten Mondkarte, deren Erstellung fast acht Jahre dauerte (mit seinen Mondstudien begann er im September 1671), ist deutlich bei der Regenbogenbucht der Kopf einer Frau dargestellt. Es wurde sogar gemutmaßt, ob Cassini hier seine Gemahlin verewigt hat. An diesem Abend war das steinerne Gesicht überdeutlich zu sehen, sogar mit wehendem Haar, genauso wie es die 330 Jahre alte Karte Cassinis zeigt. Im 20x60 ließ die Illusion durch die Bildorientierung nach, zumal die Strukturen im Gesicht nicht mehr sichtbar waren. Dagegen war im Dobson die Jungfrau in der Regenbogenbucht sehr schön anzusehen.